Fotobrief vom 11. April 2020 – Ostertrost

Der Stoff meines heutigen, etwas umfangreicheren Oster-Fotobriefes ist mal wieder aus mehreren, ineinander verwobenen Fäden gestaltet. Ich schlage einen großen Bogen von der Gegenwart zu den Zeiten der deutschen Teilung, des Mauerfalls, der danach gewonnenen Reisefreiheit und zurück zum heutigen Tag, unter anderem mit einem Graffiti „Kein Bier für Nazis“.

Erster Auslöser meiner Gedankenfäden ist das frische Blühen (Sakura) des kleinen japanischen Kirschbaumes auf unserer Küchenterrasse: 

Meine Liebe zu Sakura dürfte inzwischen bekannt sein – übrigens trägt auch unser froschgrünes Paddelboot den Namen „Sakura“. Es gibt früh- und spätblühende japanische Kirschen. Die Blüten, die ich in meinem Sakura-Fotobrief von Mitte März zeigte, gehören zu sehr früh blühenden Bäumen. Vor sechs Jahren fuhr ich Mitte April eines frühen Morgens zum ehemaligen Mauerstreifen zwischen Lichterfelde und Teltow. Dort gibt es eine lange und schöne Allee mit - sehr spät blühenden - japanischen Kirschbäumen. Ein japanischer Fernsehsender hatte die Begeisterung der Japaner über die Ereignisse der deutschen Einheit in eine symbolträchtige Aktion verwandelt. Er rief 1990 zu einer großen Spendenaktion auf, an der sich rund 20 000 Japaner beteiligten. Es kamen ungefähr 140 Millionen Yen, umgerechnet rund eine Million Euro, zusammen. Davon wurden im November 1990 die ersten von über 10.000 Kirschbäumen in Berlin und Brandenburg gepflanzt. 1.100 dieser Pflanzungen wurden ab April 1995 auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Teltow - Seehof und Steglitz - Zehlendorf (Lichterfelde) vorgenommen. Der Berliner Mauerweg trägt hier inzwischen den Namen "TV-Asahi-Kirschblütenallee".  

Ich habe dort vor sechs Jahren in den frühen Morgenstunden eine wahre fotografische Kirschblütenorgie gefeiert! Zur Zeit der Baumblüte ist es ein fantastischer Ort. Nun fiel mir wieder ein, dass ich einen großen Teil der über fünfhundert Fotos noch nie gesichtet oder gar bearbeitet hatte*. Das tat ich jetzt und ich möchte einige davon als kleinen Ostergruß (und vielleicht auch Ostertrost?) schicken. (*Falls sich jemand fragt, was wohl mein fotografisches Schaffen vor sechs Jahren so jäh ausgebremst haben mag: Mitte 2014 begann ich mit der Gutachterei, danach war mein Leben nicht mehr wie zuvor.)

Ich komme zum zweiten Auslöser meiner Gedankenkette. Warum Ostertrost? Heute hätte unsere seit langem geplante Andalusien-Reise begonnen. Ich bin schon traurig, dass sie nicht stattfinden kann. Sicher ist es ein Klagen auf hohem Niveau, während andere Menschen nie reisen können, entweder weil sie in Diktaturen leben (Stichwort Mauerfall und Reisefreiheit) oder weil sie zu arm sind oder sogar so arm, dass sie nur mit Mühe sich und ihre Familien satt bekommen - von weiterem Luxus ganz zu schweigen. Trotzdem darf man (ich) natürlich auch traurig sein, wenn die eigenen Reisepläne zerstört werden, und nach ein wenig Trost suchen. Für diejenigen, denen das mit der Traurigkeit über eine abgesagte Reise auch so geht, kommt hier mein momentanes Lieblings-Trostfoto:

Auslöser drei: Wir fuhren am Karfreitag mit den Rädern an den südlichen Stadtrand, um frei im Wald zu laufen, was hier in Berlin (maximal zu zweit und mit dem gebotenen Abstand zu anderen Wanderern) unter dem Stichwort „Sport und Bewegung“ erlaubt ist. Wir hatten daher eine möglichst wenig frequentierte Strecke ausgesucht und waren kurz auch auf einem Stück des ehemaligen Mauerstreifens (inhaltliche Verknüpfung zur oben erwähnten Kirschblütenallee) unterwegs, der inzwischen zum Berliner Mauerradweg geworden ist. Meine Fotos des Tages zeigen Relikte einer bis 1969 bestehenden Führung der Autobahn zwischen der AVUS und dem Berliner Ring. An der Grenze zwischen West-Berlin und der DDR wurde dort Anfang der 1950er Jahre ein Kontrollpunkt für den Transitverkehr auf West-Berliner Gebiet eingerichtet. 1969 wurde die Autobahn so verlegt, wie sie heute noch verläuft. Die verbliebenen Reste des West-Berliner Kontrollpunkts einschließlich der Teltowkanalbrücke (folgende zwei Fotos) stehen unter Denkmalschutz. 

Der weitere Mauerweg führt unter der ehemaligen Trasse der Stammbahn (1838 eröffnete erste preußische Eisenbahn Berlin–Potsdam) entlang, heute ein Eldorado für Graffiti-Künstler. Und so lande ich bei „NO BEER FOR NAZIS“, dem letzten Foto für heute.

Ich wünsche allen ein frohes Osterfest und grüße herzlich, Catharina

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